SMiLE - die Leipziger BDSM-Gruppe
SMiLE - die Leipziger BDSM-Gruppe mit Tradition


Es waren einmal die 90er ...

Das war vor der Jahrtausendwende, also sehr sehr lange her. Der Satz mit den blühenden Landschaften war zwar schamlos gelogen, aber eine Aufbruchstimmung gab es trotzdem, abgeschmeckt mit einer Messerspitze Fin de Siècle. Sei es die Love Parade, sei es das WGT, seien es die Segnungen des nahenden Internets.
Und auch "unsere" Subkultur wurde offener und sichtbarer. 1988 erblickte die erste Ausgabe der Schlagzeilen das Licht der Welt, getragen von der ersten offenen Gruppe in der gerade noch zwei Jahre lang kleineren Bundesrepublik. Andere Gruppen und Stammtische der "nichtkommerziellen Szene" folgten in kurzer Zeit, 1996 dann auch SMiLE. "Nichtkommerziell" - so nannten wir uns damals in Abgrenzung zu den Studios, in denen in der öffentlichen Wahrnehmung bis dahin SM (oder BDSM - diese Abkürzung stammt auch aus diesen Jahren) beheimatet war. Die legendäre "Trierer Studie" zeigte 1993, wie eingeschränkt diese auch in der Psychologie immer wieder abgeschriebene Vorstellung war. Kurz zuvor hatte Sina-Aline Geißler schon "Mut zur Demut" gezeigt und war mit ihrem Buch auf die Titelblätter der Magazine gelangt.
Danach ging es Schlag auf Schlag (um das mal so zu formulieren). Gruppe um Gruppe entstand in größeren und kleineren Städten, eine rege Partylandschaft entwickelte sich, und auch das Fernsehen interessierte sich für uns: die ARD mit "Unter deutschen Dächern" und RTL mit Hans Meiser. Von "Liebe Sünde" gar nicht zu reden, falls sich noch jemand erinnert.

Natürlich war das Ergebnis innerhalb der Szene zwiespältig. Man erfreute sich der neuen Freiheit und des keimenden Verständnisses, daß wir nicht alle Psychopathen seien. Gleichzeitig schimpfte man (quasi als Generalprobe mehr als zehn Jahre vor "Fifty Shades of Grey") über die Verwässerung edler sadomasochistischer Tradition, wenn andere Leute sich einfach so ohne jede Beschwerlichkeit und ohne geheime Schnitzeljagd zu den Treffpunkten dazugesellen konnten.
Es gab nicht nur fröhliche Parties, sondern auch Grundsatzdiskussionen. Manchmal hatte das eine auch mit dem anderen zu tun, wenn Vorstellungen und Phantasien aufeinander trafen, die in der Praxis inkompatibel waren. Wenn wir mit SSC und später RACK um ethische Eckpunkte unseres Handeln rangen. Und es gab auch damals Zweifel und Ängste, gerade am Beginn, wenn Neue zu Stammtischen kamen.
Trotzdem, wenn ich an diese Zeit (und damit an meine Anfänge) denke, so sind mir vor allem die Erfolge der Öffentlichkeitsarbeit und eine vergnügte Lockerheit im Gedächtnis geblieben. Mag sein, daß da auch ein bisschen Nostalgie im Spiel ist, aber nicht ausschließlich.

Wir sind nicht mehr in den 90ern, wir sind schon lange ins neue Jahrtausend fortgeschritten.
Manche Traditionen haben wir noch nicht abstreifen können, bei anderen haben wir es erfolgreich geschafft.
Über die jeweils nächste Generation wird immer noch gelästert, vielleicht mehr denn je. Nicht daß es andersherum nicht so wäre, aber das macht es nicht besser. Stammtische und Parties gibt es noch, auch Grundsatzdiskussionen. Ordentliche Dokumentationen sind immer noch Mangelware, dafür gibt es neuerdings einen neuen großen Schwung Ratgeberliteratur aus der Szene.

Und damit sind wir schon bei den Veränderungen.
Wo vor fast zwanzig Jahren die Tips und Warnungen vor allem das praktische Know-How betrafen und in den Kapiteln über "Wie finde ich denn nun meinen Partner" eher Ermutigung zu lesen war, wo wir noch dafür eintraten, nicht als unberechenbar gefährlich dargestellt zu werden, könnte man heutzutage an fast jedem Wochenende zu irgendeinem Workshop fahren, in dem Grundlagen von Bondage, Nadelspielen oder dem Umgang mit Strom gelehrt werden. Viele Bäume, die nicht mehr für Handbücher zu diesen Themen verarbeitet werden müssen.

Klingt doch gut?
Ich weiß es nicht. Denn umso mehr Papier und Speicherplatz wird mittlerweile dafür verwandt, um die zu umschiffenden Gefahren bei den ersten banalen zwischenmenschlichen Schritten aufzuzeigen. Ratschläge zur Partnerfindung wurden abgelöst von Texten darüber, wie die erste Begegnung überhaupt mit anderen BDSMlern gerade so unbeschadet überstanden werden kann. Gewiss gibt es (wie überall) mögliche Gefährdungen - und Verstand und Bauch in den Sleepmode zu versetzen, weil es endlich mal losgehen soll, ist eine schlechte Idee. Aber ein Klima zu erzeugen, in dem man sich selbst als Warner und Coach profilieren kann, in dem Menschen erst recht als unfähig zur Kommunikation erachtet werden, in dem anklagend aufeinander zu zeigen eine Lösung sein soll, scheint mir nicht besser. Höchstens daß da eine Generation von weißen Rittern durch andere weiße Ritter abgelöst worden ist, die, ähnlich wie bei den Regalmetern voller Selbstoptimierungstaschenbücher, ihre Klienten möglichst lange bei der Stange halten möchte.

Darin, daß Menschen dem Ausleben ihrer Wünsche und Sehnsüchte ohne Angst und ganz normal näherkommen, waren wir schon einmal weiter.
Aber das ist wohl so 90er ...

Nirgal im April 2019